Erfolg

Vanessa, Lea und Cora sitzen in ihrer Stammecke bei Thomas. „Hallo Mädels, was darf es heute sein?“, fragt der gerade. „Na wie immer, wir kommen doch nur, weil es bei dir einfach das beste Frühstück der Stadt gibt.“, antwortet Cora mit ihrem Zahnpastalächeln und zwinkert ihm zu. Thomas verschwindet in die Küche, reckt dann aber den Kopf nochmal durch die Schwingtür und fragt: „Also auch für alle drei Prosecco?“ – „Ja, für alle drei.“, antwortet Vanessa und streichelt ihren Bauch. „Erstmal brauche ich eine Pause.“

„Wie erstmal?“, fragt Lea. „Naja, etwas Zeit hab ich schon noch. Der Kleine ist erst eins und seine Schwester ist gerade zwei Jahre älter als er. Ich hab gerade keine Eile.“, antwortet Vanessa. Lea stockt kurz und sagt: „Das heißt du willst noch mehr Kinder?“ – „Ja, wieso denn nicht?“

Lea und Cora wechseln einen Blick. Cora greift ein. „Wir dachten, du würdest jetzt bald mal wieder arbeiten. Du weißt schon – Karriere machen, Geld verdienen.“ Vanessa antwortet nicht sofort. Dann erwidert sie: „Abgesehen davon, dass ich jeden Tag zu Hause arbeite, wollte ich euch eigentlich erzählen, dass ich überlege, mich selbstständig zu machen. Ich dachte, ihr würdet das toll finden und mich unterstützen.“

Thomas kehrt mit einem Tablett voll mit Proseccoflasche, drei Gläsern und diversen Frühstücksleckereien zurück. „Und genau deshalb kommen wir immer wieder zu dir.“, grinst Lea ihn an. Während Thomas sich umdreht, wendet sich Lea an Vanessa. „Ach Nessi, wir unterstützen dich doch immer. Wir machen uns nur etwas Sorgen. Und warum gehst du nicht wenigstens in Teilzeit arbeiten? Dann hättest du doch ein sicheres Einkommen und könntest dein Netzwerk ausbauen. Du kannst dann auch besser wieder in Vollzeit arbeiten, wenn die Kinder alle in der Schule sind oder so.“ – „Ganz einfach. Ich will meine Zeit gern flexibel einteilen können und nach meinen eigenen Regeln spielen. Das geht in einer angestellten Position meistens nicht so gut.“

„Ok, aber damit verdienst du doch kaum Geld. Im Ernst, ich verdiene jetzt schon locker das Vierfache von dem, was du vor drei Jahren, bevor du schwanger wurdest, bekommen hast. Das kannst du doch nie wieder aufholen. So kannst du dir doch gar nichts leisten.“, wirft Cora ein. Lea sitzt nickend neben ihr: „Ich verdiene zwar nicht so viel wie Cora, aber ich bin da echt bei ihr. Wenn man zu lange raus ist, verpasst man den Anschluss. Hätte ich nicht die letzten Jahre durchgearbeitet, hätte ich sicher nicht so ein Netzwerk wie heute aufgebaut. Und das hilft mir jeden Tag. Die Unterstützung ist der Wahnsinn, wenn man erstmal die richtigen Leute kennt. Eine Selbstständigkeit würde da auch viel schneller funktionieren. Du suchst ja auch gerade Unterstützung bei uns. Aber wir werden wohl als Netzwerk nicht reichen.“

Vanessa bestreicht ein Croissant mit Erdbeermarmelade und nippt an ihrem Kaffee, bevor sie antwortet. Sie hatte nicht erwartet, dass das Frühstück so abläuft, wie jetzt. Wie sind die drei Freundinnen an diese Stelle gekommen? Was war der Auslöser? Etwa, dass sie gesagt hat, ein drittes Kind hätte etwas Zeit? Oder die Tatsache, dass sie überhaupt ein drittes Kind in Erwägung zieht?

Vanessa, Lea und Cora kennen sich schon aus dem Sandkasten und haben es seit 30 Jahren geschafft, befreundet zu bleiben. Was ihre Freundschaft ausmacht, ist in der Rückschau vor allem eins: Gnadenlose Ehrlichkeit. Drei so unterschiedliche Charaktere können gar nicht anders miteinander agieren. Deshalb entscheidet sich Vanessa für die ehrliche Variante, was bleibt ihr auch anderes übrig.

„Ich hab euch beide sehr lieb. Aber gerade verletzt ihr mich wirklich. Ich bin nicht wie ihr. Ihr beide seid ja noch nicht mal gleich. Wir wollen alle unterschiedliche Dinge vom Leben und das ist meiner Meinung nach auch völlig ok so. Sonst wäre es doch langweilig. Cora, für dich bedeutet Erfolg, einen gewissen Umsatz im Jahr zu generieren und dadurch dann dein Gehalt zu steigern. Verständlich, dass du vor allem deine Karriereleiter als Ziel verfolgst. Lea, du brauchst ganz dringend Anerkennung von anderen Personen, von denen du denkst, dass sie Ahnung haben. Du fühlst dich erfolgreich, wenn ein Kritiker dich im Feuilleton lobend erwähnt. Ich verstehe, warum du so dahinter her bist, möglichst viele Leute zu kennen und dir ein Netzwerk aufzubauen.“, sagt Vanessa während sie in die Augen ihrer Freundinnen sieht.

„Für mich bedeutet Erfolg aber, wenn meine Kinder abends glücklich einschlafen. Am glücklichsten sind meine Kinder, wenn sie die Aufmerksamkeit bekommen, die sie benötigen. Das kann ich am besten gewährleisten, wenn ich zu Hause bin und meine Tage flexibel um ihre und meine Bedürfnisse formen kann. Seht ihr das nicht? Wir definieren Erfolg alle anders und verfolgen deshalb auch unterschiedliche Ziele. Was ist denn falsch daran? Ich verurteile keine von Euch dafür, dass sie keine Kinder hat oder plant. Bitte verurteilt mich nicht dafür, dass ich meine Familie über alles stelle.“

Lea und Cora blicken sich an. Diesmal länger. Dann beginnt Cora zu lachen und Lea stimmt ein. „Recht hast du“, sagt sie und hebt ihr Proseccoglas. „Auf alle unsere Träume. Die jeweils ihre eigene Berechtigung haben.“

Manchmal musst Du deutlich sagen, was Dich zum Summen bringt, wenn das Brummen zu laut wird. Es kommt nicht darauf an, wie Du Erfolg definierst und welche Ziele Du deshalb anstrebst, sondern dass Du selbstbewusst zu Dir und Deinen Träumen stehst.

Lebt leuchtend, Lena

P.S. Hat Euch der Beitrag zum Lächeln gebracht? Was hat Euch gefallen und was vielleicht auch nicht? Ich freue mich auf Euer Feedback in den Kommentaren oder per Kontaktformular.

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