Detoxwette

Eine neue Woche. Tausend Möglichkeiten. Nur eine Bedingung: Kein Handy, kein Computer, kein Internet, kein gar nichts. Die genaue Liste hat Michaela schon nicht mehr im Kopf, aber was ihre Wette mit Mario betrifft, ist sie siegessicher. Wie schwer kann der Verzicht schon sein? Der Wecker klingelt auf dem Nachttisch und startet ungewohnt laut. Ach ja, keine Softawakening-Funktion. Michi wackelt mit den Zehen, streckt sich und steigt aus dem Bett. Unter der Dusche fragt sie sich, ob ihre beste Freundin überhaupt ihre Festnetznummer hat. Vielleicht sollte sie ihr noch schnell schreiben. Sie dreht das Wasser etwas kühler und schüttelt den Kopf. Ihre Freundin weiß, wo sie wohnt. Das Frühstück ohne den Handybildschirm und die Nachrichten ist angenehm ruhig.

„Und wie lange wollt ihr das machen?”, fragt ihr Mann, während er mit der linken Hand über die aktuellen News scrollt. „Eine Woche. Oder bis einer von uns aufgibt.” – „Bedeutet das, dass wir eine Woche lang kein fernsehen und wir unsere Serie nicht weiter gucken?” – „Mhm – irgendwie schon. Es ist natürlich mein Projekt. Du darfst gern weiter gucken und ich lese nebenan ein Buch oder so. Aber ich dachte, wir könnten vielleicht abends mal wieder unsere Spielesammlung nutzen oder einfach nur reden?” Unsicher, ob ihr Mann das letzte überhaupt noch gehört hat, richtet Michi ihren Blick wieder aus dem Fenster. Wie schön die Sonne gerade die Baumwipfel anstrahlt. Goldgrün leuchten die Blätter und nach ein paar Sekunden erkennt sie etwas weiter unten ein Eichhörnchen, das von Ast zu Ast springt. Die rechte Hand fährt zur Hosentasche. Doch sie unterdrückt den Impuls, ein verpixeltes Bild mit ihrem Handy zu machen und lächelt. Dieser winzige Augenblick mit dem Kaffeegeruch in der Nase, dem Geschmack der Buttercroissants im Mund und dem herumtollenden Eichhörnchen vor ihren Augen gehört ihr. Sie macht im Geist eine Aufnahme, die alle Sinne einschließt. Vielleicht gehören manche Erinnerungen nicht in ein Gerät, sondern in den eigenen Geist. Die Woche wird schwer. Michi weiß das. Aber manchmal muss man etwas Schweres tun, um wieder mehr Leichtigkeit zu erleben.

Lebt leuchtend, Lena.

P.S. Hat Euch der Beitrag zum Lächeln gebracht? Was hat Euch gefallen und was vielleicht auch nicht? Ich freue mich auf Euer Feedback in den Kommentaren oder per Kontaktformular.

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