Ostermalerei

Die Farbe löst sich langsam in dem Glas auf. Purpur. Martha legt noch eine weitere Tablette in das Glas daneben. Wie ein tiefblauer Wirbelsturm beginnt diese sofort, sich im Wasser aufzulösen und mit winzigen Wellen das durchsichtige Nass in etwas nicht mehr durchschaubares zu verwandeln.

„Können wir gleich anfangen?“, fragt Marie. Sie sitzt mit aufgestützem Kopf an der anderen Tischseite und beobachtet jeden ihrer Schritte. Martha lächelt bei dem Anblick: Blonde Locken fallen über die Schultern ihrer Nichte.

„Du könntest schon einmal die Eier holen. Ich habe sie gestern schon ausgepustet.“

Marie zuckt mit den Schultern und geht in die Küche. Seit Jahren weiß sie ganz genau, wo was steht. Verbrachte viele Tage und Nächte hier und Martha denkt, dass sie sich bei ihr zu Hause fühlt.

„Hier bitte.“

„Danke.“ Immerhin die richtigen Worte findet Marie noch, auch wenn die Stimme etwas anderes verrät. Für einen kurzen Augenblick konnte Martha etwas mehr Weiß in den Augen ihrer Nichte sehen, als normal. Marie gibt sich nicht einmal Mühe, ihre Langeweile zu verstecken.

Martha seufzt. „Du hast echt keinen Bock, oder?“

„Nicht so richtig.“ Marie starrt auf ihre Fingernägel. Jeder in einer anderen Farbe lackiert.

„Was würdest du denn gern tun?“

„Irgendwas Cooles. Nichts für Babys. Ich bin doch schon 13.“

„Und mit 13 kann man nicht mehr mit seiner Tante Eier färben, wie jedes Jahr?“

„Die sagen nein.“

Martha setzt sich hin und lässt ein Ei in das Glas mit der roten Farbe sinken. Als sie es herausholt, hat sich eine rote Schicht auf die Schale gelegt und sie beginnt, mit einem Pinsel und etwas Acrylfarbe Malereien darauf zu platzieren. Aus den Augenwinkeln sieht sie, wie Marie ebenfalls ein Ei aus der Schachtel nimmt und es ihr gleich tut.

„Und wer sind die?“, fragt Martha.

„Halt alle.“

„Mhm, das ist natürlich echt viel, wenn ALLE das so sehen. Und was denkst du?“

Marie reagiert nicht. Sie malt still weiter. Martha wirft ihr ein Lächeln zu. Irgendwo in dieser Hülle aus engen Klamotten und weißen Turnschuhen ist ihre Nichte versteckt. Sie weiß es.

„Ich weiß nicht. Ich mag unsere Tradition“, sagt sie dann zur Tischkante.

„Und was magst du daran?“

„Dass wir Zeit zusammen verbringen. Und außerdem freut sich Oma immer so sehr über die Eier.“

„Dann gibt es doch keinen Grund, nicht weiter zu malen, oder?“

Marie zuckt mit den Schultern. Martha erhebt sich und hängt das erste Ei zum Trocknen auf. Sie stellt sich hinter Marie und begutachtet deren Malerei, die mittlerweile einen Kunstpreis verdient hat. Manche Talente sollten nicht dem Gruppenzwang untergeordnet werden.

„Das sieht ganz toll aus. Du hast echt eine künstlerische Ader.“ Sie hängt Maries Ei ebenfalls auf, setzt sich dann direkt neben ihre Nichte und legt ihre Hand auf deren Unterarm.

„Marie, du musst weder für mich, noch für Oma weiter alle Traditionen aufrecht erhalten. Aber du musst auch nicht für ALLE anderen Traditionen brechen. Du darfst deinen eigenen Weg gehen und du bist niemandem gegenüber verpflichtet, am Montag zu erzählen, was du am Samstag gemacht hast. Das ist dein Leben. Das war es vor zehn Jahren schon und das wird es in zehn, zwanzig, dreißig Jahren immer noch sein. Tu, was du gern tust und lass den Rest bleiben. Wenn das jemandem nicht passt, ist das nicht dein Problem.“

Marie hebt den Blick von der Tischplatte. „Aber was ist, wenn sie mich auslachen?“

„Wofür denn? Dass du für deine Oma Osterverzierungen bastelst? Wer dich dafür auslacht muss noch eine Menge lernen. Und sollte das wirklich passieren, kannst du immer daran denken, welchen Spaß du währenddessen hattest. Ich weiß, zur Zeit geht es vor allem darum, ALLEN zu gefallen. Aber glaub mir, am Ende ist es viel wichtiger, dass du dir selber gefällst.“

Marie lächelt und nimmt ein weiteres Ei aus der Schachtel. Sie summt, als sie den Pinsel zückt und mit der zweiten Malerei beginnt.

Lebt leuchtend, Lena.

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